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Hartmut Böhme

Zur Ausstellung "Zeichnungen und Gouachen von Klaus Wellner in der Galerie Schloss Reinbek, (Eröffnung am 4.3.1993)

"Klaus Wellner ist einer der selten gewordenen Künstler, die noch in der Natur arbeiten und damit die von den Impressionisten herstammende Pleinair-Methode fortsetzen. Man sieht, man spürt dies den Bildern an, den Zeichnungen immer, den Gouachen überwiegend. Von der Zeichnung zur Farbe - so kann man auch die Werkbiographie Klaus Wellners charakterisieren. [...]

Alles beginnt in der Natur - und wird schließlich wieder zu dieser: das ist der weite Spiral-Gang der Kunst. Klaus Wellner arbeitet anfangs immer im Gelände - in der Görde oder im Gebirge. Die wenigen kleinformatigen Zeichnungen [...] geben ganz gut wieder, wie man sich den Ausgang des künstlerischen Prozesses vorzustellen hat. Was Wellner ins Auge fällt, das sind Wurzelwerk, Geäst, faulende Pflanzen, Sandkuhlen, Steingelage, kleine und größere Formationen des Geländes, Züge, Schübe, Lineaturen, Staffelungen, Figuren, Spannungen im Landschaftlichen, Lichtlagen, Schimmer und Schatten, Brechungen, Verwebungen, Verfugungen der Farbe, Widerschein und inneres Leuchten der Dinge, schwebende Transparenz und stoffliche Lasten. Was ins Auge fällt: das sind Zufälle der Natur, die zu Einfällen des ästhetischen Blicks werden. Der Bleistift protokolliert sie; und die kleinen Blätter sind angehaltene Augen-Blicke, Momente aus dem ästhetischen Diarum Klaus Wellners....

...Die größeren Formate hingegen - ob Zeichnung, ob Gouache - entstehen zu Hause, nachts zumeist. Die mit dem Stift stenografierten Formenmuster und Motive werden ständigen Transformationen unterworfen. Klaus Wellner arbeitet lange, langsam, intensiv. Der nächtliche Zeichen- und Malprozeß ist nicht mehr ein Dialogisieren mit der Natur, sondern wird zu einer Meditation über Farbe und Form auf dem Blatt. Immer sind mehrere Zeichnungen oder Gouachen in Arbeit. Immer wieder ein neues Herangehen, Suchen, Probieren. So werden die Fundstücke der Natur langsam verwandelt zu Erfindungen auf dem Papier.

Gibt es ein Ende? Ein Vollenden gar? Es fällt auf, daß viele Blätter zwischen 'fertig' und 'unfertig' wie angehalten verharren; sie weisen eine offene, anschlußhafte, unabschlossene Struktur auf. [...]

Die großformatigen Zeichnungen tilgen das Improvisierte, Anfangshafte, Unstete viel mehr als die Gouachen. Die Zeichnungen bündeln mit insistierender Energie den Willen auf das völlige Ausschreiten eines Motivs, einer Figuration, einer Struktur. Sie sind disziplinierter als die Gouachen und suchen bis ins Feinstoffliche hinein die totale Erfassung des aus Schatten und Weißlicht gewobenen Naturschnitts. Der Pinsel hingegen lässt dem Unwillkürlichen und Spontanen viel mehr Raum, er ist heftiger und schneller, versuchshafter. Man merkt es den Gouachen an, daß hier einer liberalen Lust gefolgt wird, der Lust des Flüchtig-Flüssigen, des Wischens und Schmierens, des energischen Auftrags und entschlossenen Wieder-Abwaschens.

Die Blätter tragen davon ihre Spuren: sieht man genauer hin, zeigen sie Risse, weisen sie Schichten auf Schichten auf, dort blättert Farbe ab, hier liegen kleine Materialbröckel auf; fast immer erkennt man die Wellen des Abwaschens und Trocknens, das Durchschimmern alter Farbschichten unter dem frischen Neuauftrag. Die Gouachen sind - von ihrem Verfahren her - vitaler, feuchter, froher, unwillkürlicher. [...]

Die eigentümliche Spannung, die zwischen Zeichnung und Gouachen liegt, wiederholt sich immer wieder, auch in den Bildern selbst. So tritt das Formgebende dem Auflösenden gegenüber, das feinstofflich Ätherische dem robust Materiellen, das Scheinende setzt sich dem Opaken entgegen, das Leicht-Schwebende dem Lastend-Graviden, das Wachstum widersetzt sich der Fäulnis, das Schwellen dem Sinken, das Vitale dem Morbiden, und - wohl immer - sind sich das Licht und die Materie wechselseitig der Gegenpart. Ähnlich auch werden die Größenverhältnisse ungewiß, der Raum wird unschätzbar, es changieren Groß und Klein, und wir wissen nicht mehr zu bestimmen, ob es sich um einen winzigen Naturausschnitt handelt oder um großzügige Formationen der Landschaft. [...]

Zwischen der dynamischen Polarität von Licht und Materie suchen und bilden die Werke Klaus Wellners immer neue Verhältnisse: zwischen dem erscheinenden Gegenständlichen und dem selbst gegenstandslosen, doch alles erst in Augenschein versetztenden Licht. In der ästhetischen Erkundung dieser unendlich variablen Spannung zwischen Gegenstand und Licht liegt schließlich der Beitrag Klaus Wellners zur Frage nach der Natur: wie sie gegenständlich uns entgegen-tritt und wie sie zum uns sich darbietenden Schein wird."